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2005-12-10 20:34
Denk ich an Deutschland...
Deutschland, das war und ist für mich ein Land von hoher Vielseitigkeit, geprägt von Naturerscheinungen wie den Rhein, den Mittelgebirgen, dem Alpenvorland, den Zugängen zu Ost- und Nordsee. Ich sehe vor mir weitgestreckte bäuerliche Landschaften wie das Münsterland, die durch Salztektonik geformte norddeutsche Tiefebene, das sächsische Elbsandsteingebirge, den Oberrheingraben angrenzend an den Taunus, eines der schönsten Schiefergebirge. Ich blicke aus Ermangelung all der geographischen Bezeichnungen in einen Atlas: Schwäbische Alb, Frankenland, Bayrischer Wald, Erzgebirge, Hunsrück, Lüneburger Heide, Mecklenburgische Seenplatte, Schwarzwald, Rothaar- und Fichtelgebirge. Und so weiter. Eine unglaubliche Vielfalt tut sich da vor mir auf. Und genau so vielfältig wie die deutsche Landschaft, so vielfältig sind auch deren Bewohner. Überall findet sich ein eigener Geist, ein Lokalkolorit. Ich glaube, diese Vielfalt, die Zergliederung Deutschlands in viele kleine Orte, Städte, Landschaften, ist eines der deutschen Wesensmerkmale. Und - in neudeutsch - eines seiner Standortvorteile. Trotz dieser Vielfalt glaube ich, kann man über alle Landschaften, alle Lokalkulturen, alle Geschichtsepochen, aller Künste, einen gewissen deutschen Geist ausmachen. - Bei dem Begriff "Deutscher Geist" läuft es einem ja gleich kalt den Rücken herunter. Das kann doch wohl nicht viel Gutes sein. Doch, ist es aber. Ich glaube, die Deutschen sind in ihrer Tiefe her von folgenden Charakterzügen geprägt: Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Fleiß und eine gewisse Frömmigkeit. Der Deutsche ist bereit, hart und lange zu arbeiten, wenn er sieht, daß es zu was gut ist. Der Deutsche mag ein ehrliches von gegenseitigem Respekt geprägtes Miteinander. Er tritt nicht gerne großmotzerisch auf, sondern ist zufrieden mit einem einfachen Dasein. - Ich hoffe, das ist nicht einfach nur eine Projektion von mir, vielleicht ist es das (ist es). Ich meine jedenfalls, all diese Dinge in den Deutschen erkennen zu können, auch wenn sie unter dem Schutt der Moderne vergraben liegen. Sie liegen da und warten dort auf ihre Wiederentdeckung. Wenn diese ganze falsche Welt mit ihrem Zwang zur Selbstdarstellung, Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung zu Ende gehen wird (dies zu erleben ist kein Wunsch von mir, es ist auch keine esoterische Prophezeiung, sondern eine auf zwingend logische Schritte und zeitaufwendig erarbeitetem Material beruhende, realistische Einschätzung der Situaton), dann glaube ich, werden die über Jahrhunderte in den Deutschen angelegten Charakterzüge wieder zum Vorschein treten. Natürlich, diese Charakterzüge können sich auch hässlich äußern. Das kann man nicht ausschließen. Aber ein vergewaltigtes Kind kann nun einmal sehr bissig werden. Die Moderne hat es geschafft, diesen eigentlich friedliebenden Deutschen in ein egoistisches und gefühlsresistentes Wesen - um nicht zu sagen: Monster, zu verwandeln. Dabei ist der Deutsche in seinem Kern ganz und gar nicht gefühllos. Er hat nur gelernt, daß er seine Gefühle nicht zeigen darf. Oder er hat es schlicht verlernt, sie zu zeigen. Das offenbart sich dann an mangelnder Gefühlsregung angesichts eines verstorbenen Verwandten oder daran, einfach mal ein Lied zu singen oder ein Gedicht aufzusagen. Daß Gefühle nach den letzten Kriegen erst einmal "nicht angesagt" waren - zu schwer wogen da wohl die Verletzungen, als daß da noch jemand drangehen wollte - ist verständlich. Aber dann, vielleicht nach ein paar Jahrzehnten, da hätte der Deutsche sich langsam öffnen müssen, hätte seine Gefühle zeigen sollen. Materielle Schwierigkeiten waren überwunden, das konnte als Ausrede nicht mehr länger herhalten. Sieht sich der Deutsche erst einmal seinen Gefühlen gegenübergestellt, hätte er eine ernsthafte Auseinandersetzung mit sich und seiner Vergangenheit betrieben, dann wäre er nicht so einfach Spielball der modernen Ökonomie geworden. Doch so ist die nackte Existenzangst nach den beiden großen Kriegen nahezu nahtlos in Globalisierungsängste und damit neue (alte) Ängste übergegangen. Es ist im Grunde nicht viel anders, wie in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts. Ein Geist wurde aus der Flasche gelassen, und der tobt sich nun aus. In einem Interview über das Hitler-Attentat der Graf-Stauffenberg-Bewegung sagte der damals junge Major Ulrich de Maizière, daß es ihm zwar schwer fallen würde, dies zu sagen: daß es aber möglicherweise auch sein Gutes hatte, daß das Attentat gescheitert ist. Erst durch den totalen Untergang verstummten auch die letzten Stimmen, daß es der "Führer" doch noch irgendwie schaffen würde (heute heißt das eben nicht mehr "Endsieg", sondern "Aufschwung". Und der Vergleich zwischen den Olympischen Spielen 1936 und der Fußball-WM 2006 drängt sich ja angesichts des Ausschlachtens in den Medien geradezu auf. Ich bin übrigens Fußball-Fan und sehe mir gerne mal ein Spiel an. Nur ertrage ich die totale Kommerzialisierung - Stichwort "WM-Aufschwung" - nicht mehr). Wenn Hitler aber dem Attentat zum Opfer gefallen wäre, dann würden vielleicht heute noch wer weiß wieviele Menschen sagen, er hätte es noch geschafft. Dann wäre der Geist nicht wirklich tot gewesen. Natürlich, auch heute gibt es noch Nazis und Rechtsradikale (entsprechend ist die korrekte Bezeichnung für die Propagandisten des heutigen Systems "Wirtschaftsradikale"). Aber wenn ich mir die Probe ansehe, auf die dieses Land gestellt ist, dann darf ich wohl mit gutem Gewissen behaupten, daß Nationalismus, Rechtsextremismus und Kriegstreiberei für immer - jedenfalls für eine unabsehbare Zeit und auf europäischer Ebene - als Lösungsalternative für unlösbare Probleme ausgeschieden sind. Das ist also das "Gute" an dem vergangenen Kriegsjahrhundert. - Ich sehe schon länger zur dunklen deutschen Vergangenheit heute Parallelen. Und die Antwort auf die Frage "Wie konnte es geschehen?", die ich mir nie so recht beantworten konnte, liegt heute auf der Straße und in der Begegnung mit jedem Menschen. Auch heute hat sich ein Geist, besser ein Un-Geist, ausgebreitet, der bei den Menschen mittlerweile bis in den kleinsten Winkel vorgedrungen ist. Es ist ein neuer, alter Geist, kommt nur in einem neuen Gewand. Erst gar nicht richtig zu erkennen, erst vielversprechend, erst eine Lösung vorgaukelnd. So hat man ihm Tür und Tor geöffnet, und nun ist es zu spät, ihn noch aufzuhalten. So war das mit den Nazis auch. Irgendwann war es zu spät, es gab dann kein Zurück mehr. Erste Gerüchte über "Lager" machten die Runde. Man wollte das alles nicht glauben. Auch heute will man vieles nicht glauben und wahrhaben (Arbeitslose, sozial Benachteiligte, Altenheime, Gettoisierung, Verwahrlosung des gesamten öffentlichen und privaten Erziehungs- und Ausbildungsbereiches, Ausverkauf von Volkseigentum an wenige Wohlhabende. Man darf gespannt sein, was da noch und wann es zu einem offenem Bruch mit den "Werten" dieser Gesellschaft kommen wird). Daher wird weggesehen und klein beigegeben. Es ist von seinem Verlauf her genau die gleiche Geschichte. Trickreich, still und heimlich hat sich hier etwas eingenistet, das sein Unwesen treibt. Und was ich vermute ist, daß es dieses Unwesen, genau wie zuvor mit anderen Flaschengeistern geschehen, bis zu seinem Ende treiben muß, damit dann auch dieser Geist sterben kann und somit zukünftige Generationen (daran immerhin zweifele ich nicht, daß es welche geben wird) nicht mehr verführen kann. In diesem Sinne kann es tatsächlich sein, daß in Anlehnung an das gescheiterte Stauffenberg-Attentat ein Entgegenstemmen gegen die heutige Lebensform (Konsum, Verschuldung, Entrechtung, Verblödung, Verkümmerung usw.) kontraproduktiv ist, wenngleich das keine Ausrede für Untätigkeit sein kann. Die Menschheit, der Deutsche, muß am eigenen Leibe sehen, erfahren und erlernen, was tatsächlich passiert, wenn er sich die Maxime und den Sinn seines Lebens - hilflos darwinistisch legitimiert - auf Profit, Rendite, Wachstum, Output und Gewinnmaximierung beschränken läßt bzw. wenn er anderen diese Denkweisen aufzwingt, und alles andere ihn nicht mehr interessiert und für ihn unwichtig ist. Erst wenn anerkanntermaßen dieser Geist wie die Ungeister zuvor gescheitert ist, kann er den Schutt abtragen und sich dessen besinnen, was tief in ihm schlummert und schon so lange vernachlässigt ist: ein bescheidenes Leben in Würde, Achtung, Vertrauen und Gegenseitigkeit. Ein Leben so vielseitig, verwurzelt und friedlich, wie die Landschaft, in die es gebettet ist. - "Denk ich an Deutschland in der Nacht...", das wird ja immer so gerne zitiert, wenn es darum geht, dieses schöne Land schlecht zu reden. Dabei handelt es sich hier um ein grandioses Mißverständnis, das sich schnell aufklärt, wenn man sich nur mal ein paar Minuten Zeit nimmt, das http://www.hhgonline.de/hheine.html auch mal ganz zu lesen. Deutschland, das wird es auch dann noch geben, wenn dieser ganze tagtägliche Irrsinn zu Ende ist. Michael Kommentare |
2005-12-10 20:34 |

volle zustimmung. was bei solchen diskussionen immer gern vergessehn wird: es ist ein absolut schwachsinniges argument leid mit noch größerem leid aufwiegen zu wollen, da findet sich nämlich immer was. wir leben hier nicht in afrika und wenn sich ne familie nix aber auch gar nix leisten kann will ich mal nicht wissen wie deren kinder in der schule gemobbt werden usw. denkt aber keiner dran, denen gehts ja gut solange was zu essen da ist *tz* wenn man so denkt dürfte man auf kein einziges tagebuch hier in mitfühlender weise eingehen weil gibt ja immer welche denen es schlechter geht. die haben depris und nichts zu essen. geiles argument