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Tagebuch Tyche
2006-08-22 11:00
Falsche Wahrheit?
K. las damals Schopenhauer und er hatte ein Bild des grimmigen Denkers in seinem Zimmer hängen. Mir war schon bekannt, dass dieser Denker nicht nur grimmig aussah, sonder auch eine grimmige Weltsicht vertrat, er war Pessimist. Dazu passte denn auch , das K. damals auch Adorno las, der den Satz prägt es gäbe kein wahres Leben im Falschen. Gesellschaftskritik, Bezweiflung der Möglichkeit ein wahrhaftiges Leben in einer falschen Gesellschaft leben zu können. Ausgeliefert sind wir den Mächten der Konsumindustrie, wir sind alle "eindimensionale" Menschen, lediglich Funktionsträger, kleine Rädchen in der Wertschöpfungkette. Marx lässt grüßen. Ich las auch Adorno, der als schwer lesbar galt, doch da die Welt für mich sowieso schwer lesbar war, schreckte mich die Lesarbeit, die Versteharbeit nicht ab, denn mir sollten ja die Augen geöffnet werden für eine Möglichkeit des Verständnisses, für eine Wahrheit, für eine mögliche Wahrheit, für ein Stück Denkgeschichte, die auch ein Stück Lebengeschichte meine Eltern geworden war durch das 68er Gesellschaftsbeben, zu dessen geistigen Vorbereiter auch Herbert Marcuse gehörte, der Vater des Begriffes vom "eindimensionalen Menschen" . Adornos Gesellschaftskritik, seine "Dialektik der Aufklärung" , eine Kritik der Gesellschaft, stieß zunächst einmal in ihrer Analyse bei mir auf fruchbaren Boden, doch schon damals spürte ich eine innere Gegenbewegung, spürte, dass es nicht sein kann, nicht sein darf, dass ich es nicht sein will: Falsch. Ich wollte nicht wahrhaben, dass es kein wahres Leben im Falschen Gesellschaftsleben geben könne. Adornos Aufklärungsarbeit, seine kritische Beschreibung unsere Gesellschaft, der Medien, seine beispielhafte Beschreibung des lächerlichen Glaubens an die Welt der Horoskope sprach mir aus der Seele. Doch gerade diese Aufklärung, gerade seine Beschreibung dieser Wunderblüten des alltäglichen gesellschaftlichen Lebens gaben mir den Eindruck, es gibt eben die Möglichkeit der Aufklärung und es gibt die Möglichkeit der Distanz, die Möglichkeit andes zu sehen, die Möglichkeit sein Leben unbhängiger zu machen. TagsKommentare |
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