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2024-11-08 13:00
Erst sterben, dann erben
Wie komme ich jetzt auf diesen Gedanken? Ich weiß es nicht, aber er war auf einmal da, der Gedanke. Vielleicht hat das was mit dem Anruf zu tun, den mein Vater am Vormittag bekommen hat. Die Nachbarin von seinem Schwager hat angerufen und sie hat ihn angekeift, daß mein Vater sofort kommen müsse, sein Schwager hat was mit den Augen. Mein Vater hat ihr zu verstehen gegeben, daß er gar nichts muß und er übrigens schwer krank ist. Er liegt schon die ganze Woche mit einem Magen-Darm-Virus im Bett. Irgendwann hat die Nachbarin das Telefon weiter gereicht und dann rückte der Schwager mit der Sprache raus. Er hat gar nichts mit den Augen. Ein leichten Nebel nach dem Aufwachen, aber mehr nicht. Körperlich geht es ihm auch gut, er ist halt nur alleine. Alleine zu sein ist nie schön, das weiß ich selbst, als mein Vater im letzten Jahr zweimal im Krankenhaus war. Aber mein Onkel muß auch einsehen, daß mein Vater nicht springen muß, nur weil er bespaßt werden will. Wenn er was hat, muß er halt seine Tochter anrufen. Er hat aber die Nummer nicht. Und die Nummer von meinem Vater hat er auch nicht. Daß er in dem Moment mit meinem Vater telefoniert hat, hatte er gar nicht auf dem Schirm. Wie gesagt, das ist sicher traurig und ich weiß nicht, wie ich im Alter so drauf bin, aber mein Vater kann sich doch nicht noch den lieben langen Tag bei seinem Schwager hinsetzen und ihn bespaßen. In den letzten Tagen war er selbst froh, daß er überhapt noch aufstehen konnte. Und wenn mein Onkel schon so durch den Wind ist, darf er auch eigentlich gar nicht mehr alleine zu Hause sein. Aber darum müssen wir uns nicht kümmern, mein Vater nicht und ich auch nicht. Wenn mit meinem Vater was ist, ist auch keiner da, der mir hilft. Da kann ich noch so auf die Tränendrüse drücken. Es kommt ein komischer Spruch und das war es dann. Und gerade habe ich so ein ungutes Gefühl, daß mein Onkel an Weihnachten anruft und bespaßt werden will. Wenn niemand da ist, mit dem man reden kann, zieht sich Weihnachten wie Gummi in die Länge. Ich will mich auch echt nicht beschweren, aber ich komme irgendwie gerade selbst nicht mit mir klar. Ich habe auch so meine Sorgen und Ängste. Da kann und will ich mich nicht auch noch um meine Mitmenschen kümmern. Das klingt jetzt hart, ich weiß. Aber was soll ich denn machen? Vielleicht das, was ich eingangs schon sagte: erst sterben, dann erben. Und das, was ich erbe, wenn ich gestorben bin, nehme ich mit. Kommentare |
2024-11-08 13:00 |
